Während ich mich hier selbst, die ich glücklicherweise keine Millionärin bin, in meine eigene Gummizelle zurückgezogen habe, um mich, wer weiß das schon genau, vor dem Wahnsinn (da draußen ?) etwas zu schützen und nach meinem eigenen inneren Lichte zu streben, stieß ich, rein zufällig auf folgenden Fassbinder-Film, den ich noch überhaupt nicht kannte und den es aktuell in
Despair- Eine Reise ins Licht
Sollte Hermann sein Leben damit verbringen, Schokolade zu produzieren? Er hat eine elegante Wohnung in Berlin, wo er als Exilrusse bereits seit Jahren lebt. Er fährt einen schnittigen kleinen Wagen - ein Kabriolet. Er ist mit Lydia verheiratet, einer mäßig gescheiten, aber anhänglichen und absolut begehrenswerten Frau. Die Verwaltung seines Unternehmens nimmt ihn nur wenige Stunden in Anspruch. Das Geschäft stagniert. Wahrscheinlich eine Auswirkung der weltweiten Wirtschaftskrise, die Hermann freilich nicht beunruhigt. In letzter Zeit hat er öfter das Gefühl, er könne seinen Körper verlassen, neben ihn treten und sich selbst beobachten. Eines Abends lässt er die Schlafzimmertür offen, damit er, der im Wohnzimmer sitzt, zusehen kann, wie er und Lydia sich lieben. Dieser Zustand wird für ihn wie zu einer Sucht. Er würde seine Fähigkeit, sich zu verdoppeln, gerne verfeinern, auf die Spitze treiben wie eine künstlerische Begabung.[ das hier eingebette video wurde leider soeben aus youtube entfernt, den Film gibt es aber nautürlich auch als DVD im Handel zu erwerben. Ersatzweise kann man sich hier ein Paar Szenen ansehen]:
Auf einer Geschäftsreise trifft Hermann den Landstreicher Felix. Er ist überzeugt, dass Felix ihm in allen physischen Details wie ein Spiegelbild gleicht und verabredet, postlagernd mit ihm in Verbindung zu bleiben. Die Existenz eines Doppelgängers, die ihn erst verstört, wird für Hermann nach seiner Rückkehr zur Inspiration. Wie, wenn er selbst verschwinden könnte, um mit dem Namen eines anderen ein neues Leben zu beginnen? Bis ins kleinste Detail plant Hermann ein perfektes, ein genussvolles Verbrechen - seine Neugeburt, für die ein Landstreicher sterben soll, seine Reise ins Licht.
Despair war bis dato Fassbinders kostspieligster Film, und der Regisseur kümmerte sich diesmal ganz besonders um die Pre-Production und das Drehbuch. Ähnlich wie Fontane Effi Briest ist auch Nabokovs Roman von Hermann Hermann, dem russischen Emigranten und Besitzer einer Schokoladenfabrik im Bereich der späten zwanziger Jahre, der Schwanengesang einer untergehenden Zivilisation. Was Fassbinder am Stoff interessierte, war - abgesehen davon, dass die aufwändigen Sets von Bergmans Das Schlangenei (1976) auf dem Münchener Bavaria-Gelände noch kostengünstig zur Verfügung standen - das Dilemma des Protagonisten (Dirk Bogarde): Wie plant man sein eigenes Verschwinden, um seine launische und ehebrecherische Frau (Andrea Ferréol), seine geschäftlichen Verbindlichkeiten und die steigende Flut von eingebildeten Mob-Gewalttätigkeiten hinter sich zu lassen. Auf einem Jahrmarkt entdeckt Hermann inmitten der vielen Arbeitslosen einen Mann (Klaus Löwitsch), der ihm exakt zu gleichen scheint. Er überredet den Fremden, die Kleider zu tauschen, erschießt ihn und lässt den Mord wie Selbstmord aussehen. Als Landstreicher verkleidet, flieht Hermann in die Schweiz, wo die Polizei ihn wegen Mordes festnimmt. Der Plan hatte einen fatalen Fehler, denn zwischen Hermann und seinem Double bestand keinerlei Ähnlichkeit.
Dieses Fehlen jeglicher Ähnlichkeit, im Roman eine clever kalkulierte Überraschung, musste im Film von Beginn an klar sein. Fassbinder (und Stoppard) konzentrieren sich auf den Zerfall einer hyperempfindsamen Persönlichkeit, eines Ästheten, der sich in Mord, Selbsttäuschung und Wahnsinn flüchtet. Höchst beeindruckend und originell ist jedoch, wie Fassbinder Hermanns Doppelgänger-Obsession zum Aufstieg des Faschismus in Deutschland in Beziehung setzt. Ohne leichtfertige Parallelen zu ziehen zwischen einer Fluchtbewegung Hermanns aus seinen persönlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der "Flucht" der Deutschen aus dem Chaos der Weimarer Republik in den "Wahnsinn" des Faschismus, erkennt Fassbinder im Führerkult der Deutschen die Suche nach einem idealisierten Ich und legt nahe, im Drama einer schizophrenen Persönlichkeit, die das Double unterdrückt oder sich mit diesem vertauscht, ein Dilemma von größerer Bedeutung zu erkennen. Tatsächlich wird der Topos vom Doppelgänger, den Kracauer als zentral für die verwirrte Seele des Weimarer Kinos angesehen hatte (DER STUDENT VON PRAG, 1913, Regie: Stellan Rye), SCHATTEN (1923, Regie: Arthur Robinson), (M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER, 1930, Regie: Fritz Lang), durch die in Despair angebotene Re-Lektüre der Thesen Kracauers vor dem Hintergrund neuerer sozial-psychologischer Arbeiten wie Alexander Mitscherlichs Auf dem Weg in die vaterlose Gesellschaft (1963) ergänzt.Fassbinder selbst schreibt am 1.3 1978:
Im Leben eines jeden Menschen gibt es den schrecklichen, wunderbaren Moment, der wie ein Blitz in das Bewusstsein mancher und wie ein heiliger Schmerz in das Unterbewusstsein mehrerer eindringt, den Moment des Erkennens der Endlichkeit der eigenen Existenz. Aber wir haben gelernt, mit viel Falschem im Kopf viel Falsches, viel Ekel und vor allem diese merkwürdige und unnötige, aber eben offensichtlich nützende Lähmung, die uns gleichzeitig mit der Sehnsucht nach einer eigenen Utopie befällt, für richtig, zwingend, endgültig und unabänderlich zu halten. So viele falsche, klebrige Gedanken hat man uns gelehrt für unsere eigenen zu halten, dass selbst der Kampf für manchen Utopie auch immer nur wieder Mittel zulässt, die dann eben wieder falsch - nicht falscher, das nicht - aber genau so falsch wie alles sind. So wird auch die schreckliche Erkenntnis des Endenwerdens, statt zu befreien, was sie ja eigentlich müsste und könnte, zur Untermauerung des qualvollen Genießens, des Glücks in der mittelmäßigen Unfreiheit benutzbar. Der Spaß, den eben diese Erkenntnis letztlicher Sinnlosigkeit und eigentlicher Zufälligkeit jedweder Existenz, eben auch jeder Existenz ab jenem heiligen Moment des Erkennens möglich machte, - ihr wieder Sinn in der freien Entscheidung und große Kraft im Kampf für etwas Wunderbares, Mögliches, sinnlich Sinngebendes im Sinnlosen geben müsste - wird nicht als Spaß erfahrbar gelehrt, nicht als lustvoll befreite Lust, sondern als Angst, die in lustloser Lust die Unfreiheit genießbar macht. Dieser ehrenwerte Dschungel scheint außer der Entscheidung für den Tod keinen Weg nach draußen zu haben, außer vielleicht den einen, von dem Despair erzählt, dem Weg in den Wahnsinn, für den man sich selbst entscheiden kann. Aber mit dem "Land des Wahnsinns" ist es eben wie mit dem des Todes, sie genügen als Hoffnung nur vielleicht. Und wir haben nur unvollkommene Nachrichten der schönen Anarchie, die im "Land des Wahnsinns" die Sensationen der Freiheit möglich machen soll. Eines Tages, wenn ich von mir selbst eine Entscheidung fordere, werde ich hoffentlich Mut genug für die Wege haben und nicht dem reichhaltigen Angebot der Auswege erliegen.Quelle: Deutsches Filmhaus
Ein wirklich grandioser Film von Fassbinder, den ich tatsächlich erst heute Nacht entdeckt habe.



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