Ein paar unsortierte Netz-Ausgrabungen zu Peter Weiss' und Dantes Inferno
"Das Todesurteil / das ihr über mich verhängtet / war / da ich ihm entging / für mich der Urteilsspruch / zu einem neuen Leben."
So lässt Peter Weiss seine Dante-Figur im 30. Gesang seines Stückes "Inferno" sprechen und benennt damit den Einschnitt, den sein Leben - und das Leben des Dichters der "Göttlichen Komödie" - gemeinsam haben. Jahrzehntelang beschäftigte sich der jüdische Emigrant Weiss mit Dante, der aus seiner Vaterstadt Florenz verbannt und zum Tode verurteilt wurde: ausgegrenzt, fremd und zum Leben eines Anderen verdammt.http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/731356/
In einer Gesellschaft, die sich selbst als nicht transzendierbar versteht – und hierin hat Peter Weiss‘ Entwurf einer ihre Vergangenheit nicht aufarbeitenden, statischkonsumistischen Wohlstandsgesellschaft in einem global deregulierten Anything goes durchaus prophetische Züge hinsichtlich des beginnenden 21. Jahrhunderts –, ist auch der Ausbruch, der theatralisch instrumentalisierte Umsturz lediglich modische Facette. Hier geht das Konzept von Johannes Kalitzke und David Mouchtar-Samorai sogar noch über Peter Weiss hinaus, der sein Stück mit Dantes Satz Ich sage mich für immer von euch los enden lässt. Diesen Satz legten sie der Figur der Beatrice in den Mund, der fernen Geliebten Dantes, die er in Florenz zurückließ; sie ist in diesem Stück die personifizierte Utopie. Das Lossagen selbst aber erscheint utopisch, wird vom Chor mit höhnischem Lachen kommentiert. Und hier kehrt nach der oft (aber keineswegs immer!) humoristisch gemeinten Revue der Szenenfolge der grausige Ernst der Eingangssituation zurück: ein lieto fine als Sieg der Utopie ist in diesem Gemeinwesen nicht mehr möglich. Wohlstand, Spaß und gegenseitiges Einverständnis der Komplicenschaft – ein solches Inferno ist so ewig wie unerträglich.LASST ALLE HOFFNUNG FAHREN!Dante – Weiss – Kalitzke: Das Inferno als Abbild der Realität
von Hartmut Lück
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