Montag, 9. April 2012

Gesammelte Leseempfehlungen zur Grass-Debatte

 Stimmen aus Israel

 Larry Derfner schreibt

Now Interior Minister Eli Yishai has declared Grass to be persona non grata while Foreign Minister Avigdor Lieberman has accused the German author of being ”willing to sacrifice the Jewish people on the altar of crazy anti-Semites for a second time, just to sell a few more books or gain recognition.”
Yishai and Lieberman are the two most outspoken racists in the Israeli government, so if one of the ways to know a person is by his enemies, I’d say Grass is looking pretty good.
And in a way, he’s getting off easy; when ex-Mossad boss Meir Dagan started criticizing Netanyahu and Barak’s plan to bomb Iran, his diplomatic passport was revoked and some cabinet ministers demanded he be investigated for endangering national security.
So it doesn’t matter if Grass was in the Waffen SS (drafted at age 17 at the end of WWII). That makes him an easy target for Israel’s enforcers, but when you’re dealing with antiwar critics, any excuse will do: he’s a German, he’s a gentile, he’s a Jew who doesn’t live in Israel, he’s a fifth-column Jew living in Israel. Whatever. The point is to shut up criticism of Israel’s right to make war whenever and wherever it wants.
I find it hard to believe that any honest, intelligent person looking at the Gunter Grass affair doesn’t see that.
Related: Larry Derfner, Yossi Gurvitz  earlier on Gunter Grass’s poem “What must be said.”
Annie Robbins auf  Mondoweiss

‘Israel’s policy endangers world peace’ — Jakob Augstein and Gideon Levy have Gunter Grass’s back

 It's starting to dawn on me how important Gunter Grass's poem is. The naysayers predictably took their first loud shots against it (and him), that's to be expected. But the pushback has hardly begun and what remains unclear is the overall reaction of the public both within German society and internationally. >>> zum Artikel
Jüdische Stimmen aus Deutschland

Martin Forbert
(...)Das Gedicht “Was gesagt werden muss” von Günter Grass hat für ein starkes Echo gesorgt – von “Empörung” ist in den Schlagzeilen die Rede. Es hat den Anschein, als seien die zustimmenden Reaktionen spärlicher und leiser. Das aber kann sich sehr schnell ändern. Denn es wird immer deutlicher, dass es bei dem Text, in dem Grass vor einem israelischen Angriff auf Iran warnt, nicht in erster Linie um dessen exakten Inhalt geht. Der Literaturnobelpreisträger hätte auch dichten können: “Do Re Mi La Ti Do – Kein Krieg gegen Iran – Basta.Dot.Com”!
Er hat sich ein wenig mehr Mühe gegeben und hat viel “Richtiges” geschrieben (wenn diese Kategorie bei der Beurteilung eines Gedichts nicht überhaupt albern ist). Andere Passagen mögen weniger gelungen sein. Sei’s drum: der drohende Waffengang mit unabsehbaren Folgen für Iran, für Israel, für die Region, und wahrscheinlich für die ganze Welt ist wieder in der öffentlichen Diskussion. Und da gehört dieser zukünftige Krieg hin – bevor das erste Kampfflugzeug aufsteigt. Er sollte erst in die Mitte der gesellschaftlichen, politischen Debatte
befördert werden – und dann auf den Müllhaufen der Geschichte, ehe er schreckliche Wirklichkeit geworden ist. An der Verhinderung der Katastrophe haben in den letzten Wochen
Menschen mit Verantwortung in Israel, in Iran (dort nicht zuletzt aus der Opposition), in den Vereinigten Staaten von Amerika, und anderswo auf der Welt gearbeitet. Nun hat sich Günter Grass dazu gesellt. Das wird ihm neben dem Literatur- nicht zusätzlich noch den
Friedensnobelpreis einbringen (...)
 Rolf Verleger schließt mit den Worten
(...) “Du sollst nicht morden”, wurde uns geboten. Denn Gewalt ist niemals eine Lösung. Wenn man den israelischen Rechtsnationalisten zuhört, könnte man meinen, die Bösen seien immer die anderen. Ist es aber nicht vielmehr unsere Aufgabe, unseren eigenen Anteil zu erkennen und zu ändern?
Prof. Dr. Rolf Verleger, Lübeck
weitere jüdische Stimmen aus Deutschland

Hintergrundbeleuchtung

Alexander v. Paleske beleuchtet in seinem Artikel weitere nicht thematisierte Hintergründe zur aktuellen Krisensituation

(...) Die Fehler eines Nobelpreisträgers
Günter Grass hat allerdings den Fehler gemacht, ein hochpolitisches, komplexes Thema in Gedichtform abzuhandeln.

Gedichte sind sehr geeignet, um z.B. politische Satire darin unterzubringen. Sie sind aber völlig ungeeignet, um ein komplexes Thema substantiell mit der nötigen Tiefe zu bearbeiten.

Hinzu kommt noch, dass Grass, seinerzeit eingezogener Waffen-SS-Soldat und als Deutscher, sich hier auf ein Minenfeld begeben hat, das nur bei genauester Abtastung – nicht jedenfalls in Gedichtform – sachgerecht überwunden werden kann.

Grass hätte daher einen ausführlichen Artikel schreiben können und müssen, der genau diese seine Sorgen artikuliert, und dabei wirklich jedes Wort auf die sogenannte Goldwaage legen müssen.

Auch wenn die Schlüsse die gleichen gewesen wären, die Kritik daran wäre ganz anders ausgefallen und hätte sich nicht hinter Antisemitismusvorwürfen und dem Vorwurf der erbärmlichen Kunst verstecken können, sondern sich zur Kriegsgefahr im Nahen Osten und zur U-Boot Lieferung äussern müssen.

So hat Grass es seinen Kritikern ermöglicht, vom Thema abzulenken, und eine neue Antisemitismus-Diskussion in Gang zu setzen, die wir in dieser hochexplosiven Lage ganz bestimmt nicht brauchen.

Denn Israels Weg in den Krieg mit dem Iran datiert lange zurück, und wir haben immer wieder darauf hingewiesen:

senden Die Lieferung von Massenvernichtungswaffen, der Giftgase Sarin und Senfgas, samt den Blaupausen zur Errichtung einer Fabrik zu deren Herstellung, von China in den Iran in den 90er Jahren mit Hilfe des britischen Auslands-Geheimdienstes Mi6, des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet und des Bundesnachrichtendienstes

senden Die Anschaffung von weitreichenden Kampfbombern des Typs F15 in den 90er Jahren, als eine angebliche iranische Atombombe noch gar nicht zur Diskussion stand.

senden Die Kaperung des Frachters Arctic Sea in der Ostsee im Juli 2009 durch vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad angeheuerte Berufskriminelle aus den baltischen Ländern. Das Schiff hatte Boden-Luft-Raketen des russischen Typs S300 geladen. Diese Raketen hätten in den Händen des Iran die Abschüsse israelischer Kampfbomber um wenigstens 60% erhöht.

senden Die Mordanschläge im Iran auf Atomwissenschaftler

senden Der Anschlag auf die iranische Militärbasis

senden Der Stuxnetangriff (Computerviren) eingeschleust in das Atomprogramm des Iran

Der logische nächste Schritt wäre jetzt der Erstschlag, da hat Grass völlig recht.

Weitere Schnitzer
Nur: er machte abgesehen von der Form, in die er seine Kritik kleidete, noch folgende unnötige Fehler:

- Er sprach von Israel, statt von der israelischen Regierung, und tat damit den zahlreichen Kriegsgegnern in Israel unrecht. Das hat er mittlerweile korrigiert.

- Er bezeichnete die Reaktion der deutschen Medien auf sein Gedicht als „Gleichschaltung“. Ein übler Ausrutscher. Gleichschaltung ist ein Vorgang, der zu einer Diktatur passt.

Die überaus notwendige Warnung eines angesehenen Intellektuellen, der den 2. Weltkrieg noch als Soldat miterlebt hat, droht nun unterzugehen.

Kein Mangel an Argumenten
Dabei hätte es an Argumenten ja nun wirklich nicht gemangelt:

1. Selbst wenn der Iran die Bombe hätte, würde er sie mit Sicherheit nicht zum Einsatz bringen, weil es mit dem sofortigen atomaren Gegenschlag der USA und der Vernichtung des Iran beantwortet würde. Man kann den Iranern alles vorhalten, aber Selbstmörder sind sie nicht.

2. Die Angriffspläne Israels haben daher, wie wir schon früher hervorgehoben haben, mehr mit der geplanten Annexion Ost-Jerusalems und der Westbank, Angriffen auf Gaza und dem Libanon zu tun.

3. Ein Krieg mit dem Iran würde auch Syrien mit hineinziehen und den Libanon. Die Folgen wären unabsehbar. Mittlerweile hat auch China in der bisher nachdrücklichsten Form sich gegen einen Angriff ausgesprochen.

Wörtlich:

An attack on Iran would invite devastating retaliation that would envelop the region and destabilise the global economic recovery, and added that the international community had to restrain itself from war.

Israel, seit der Kaperung des mit 200 Tonnen Uranoxid beladenen Frachters Scheersberg A, im Jahre 1968, und der Anreicherung im Atomreaktor Dimona im Besitz von Dutzenden von Atombomben, gefördert noch durch die atomare Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika, will im Nahen Osten alleinige Atommacht bleiben, um dort – wie gehabt - notfalls unter Verletzung internationalen Rechts, schalten und walten zu können.
>>>zum Artikel
Persönliche Anmerkung

Ich finde es offen gestanden schlichtweg unfassbar dass dieses Land hier, welches verantwortlich ist für 2 Weltkriege, heute noch die dieselben Waffenschmieden wie im letzten Krieg betreiben und sich als drittgrößter Waffenexporteur in Szene setzen darf.

" Ist es aber nicht vielmehr unsere Aufgabe, unseren eigenen Anteil zu erkennen und zu ändern?"

So ist es lieber Rolf Verleger


Dieses Deutschland liefert Waffen in sogute wie jedes Krisengebiet dieser Erde. In den Nahen u.Mittleren Osten, nach Israel, Saudi Arabien, Asien und Afrika. Und was den letzten grausamen Angriff des Israelischen Militärs auf die Menschen in Gaza betrifft, dem in überwiegender Zahl Kinder zum Opfer fielen - auch hier kamen Waffen made in Germany zum Einsatz. Waffen vom schönen Bodensee zerfetzten dort (u. anderswo) die Leiber der Menschen.

(dazu verweise ich hier nochmal auf die Pressekonferenz der jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost zum Goldstonereport 2010 in Berlin )

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen